Das verlorene Schaf

Nele hat wieder Religionsunterricht und die Religionslehrerin fängt nach dem üblichen Anfangsritual damit an, die Kinder zu fragen, ob sie auch den Schäfer mit den vielen Schafen am Wochenende am Rand des Ortes gesehen hatten. Da flogen die Hände nur so in die Luft. Viele Kinder hatten das Spektakel miterlebt und berichteten begeistert. Nele war eifrig dabei. Sie erzählte dann noch, dass die Oma mit ihr den Psalm 23 gelesen hatte, ein Psalm, der über Gott als Hirten erzählt. Die Religionslehrerin freut sich und verrät: „Ich erzähle euch heute auch eine Geschichte über Gott als Hirten. Passt das denn überhaupt, Gott mit einem Hirten zu vergleichen? Was meint ihr? Tuschelt kurz miteinander und dann berichtet ihr uns allen. Die Kinder sind begeistert beim Tuscheln dabei. Nach kurzer Zeit tragen sie zusammen, was Gott einem Hirten ähnlich macht. „Gott passt auf uns auf, wie ein Hirte auf seine Schafe aufpasst.“ „Er sorgt dafür, dass es uns gut geht, das macht ein Hirte auch.“ „Wenn wir in Gefahr sind, dann steht Gott an unserer Seite, wie ein Hirte.“ Noch mehr solche Gedanken haben die Kinder gesammelt und die Religionslehrerin lobt sie dafür.

Dann geht es in den Erzählkreis und die Religionslehrerin fängt an: „Jesus hatte mal wieder viele Zuhörer und einige davon waren unbeliebte Menschen der damaligen Zeit. Zöllner und Sünder. Zöllner waren unbeliebt, weil sie für die Römer arbeiteten und gerne mal etwas mehr Zoll einnahmen, als sie müssten. Das Geld wanderte dann in ihre privaten Geldbeutel. Und Sünder, das waren ein Graus für die Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich ganz genau an jedes Gebot hielten. Die sich viel Mühe gaben, keine Fehler zu machen. Und gerade diese Pharisäer und Schriftgelehrten, die ärgerten sich darüber, dass Jesus mit den Zöllnern und Sündern befreundet war und manchmal sogar mit ihnen an einem Tisch saß und mit ihnen aß. Das konnten sie nicht verstehen – und wollten es auch nicht.

Als Jesus die schlechte Stimmung der Pharisäer und Schriftgelehrten spürte, da begann er ihnen eine Geschichte zu erzählen: 'Was meint ihr? Einer von euch hier hat 100 Schafe und verliert eines davon. Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe in der Wüste zurücklassen? Wird er nicht das verlorene Schaf suchen, bis er es wiederfindet?'“

Da hörte die Religionslehrerin auf und schaute ihre Schulkinder an: „Was meint denn ihr? Besprecht es in 4er-Gruppen und erzählt uns dann euer Ergebnis.“

Wieder waren die Kinder eifrig am Miteinanderreden. In manchen Gruppen ging es heiß her. Dann war die Zeit um und sie versammelten sich wieder im Erzählkreis. Sie trugen ihre Ergebnisse zusammen.

-       Einige meinten, das geht nicht. Besser ist es, auf 99 Schafe aufzupassen und über das verlorene traurig zu sein. -       Andere waren ganz entsetzt darüber. Klar muss der Hirte dem verlorenen Schaf nachgehen und es suchen. Er war doch der Hirte für alle Schafe. -       Und das verlorene Schaf war ganz alleine. Die anderen Schafe hatten sich ja gegenseitig.

Gespannt warteten die Kinder, wie die Geschichte weitergeht. Also erzählt die Religionslehrerin weiter: „Wenn der Hirte sein Schaf gefunden hat, dann nimmt er es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Da ruft er dann seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ‚Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das ich verloren hatte.‘“

Die Kinder, die vorhin der Meinung waren, dass der Hirte das Schaf suchen muss, strahlten. Genauso hatten sie es von dem Hirten erwartet.

Doch die Religionslehrerin war noch nicht fertig mit der Geschichte: „Kinder, hat die Geschichte was mit den Zöllnern und Sündern und mit den Schriftgelehrten und Pharisäern zu tun?“

Die Kinder schauten sich fragend an. Da fiel ihnen nicht gleich was ein. Was könnte das wohl sein? Eine Verbindung zwischen den Schafen und den Menschen? Das war eine schwierige Frage.

Die Religionslehrerin half den Kindern weiter, mit einem weiteren Teil der Geschichte von Jesus: „Jesus hat weitererzählt: ‚Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.‘“

Puh, die Kinder schauten immer noch angestrengt. Leicht war diese Geschichte heute aber wirklich nicht.

Da half die Religionslehrerin weiter: „Wie war das mit der Freude beim Hirten?“

Das war mal eine einfache Frage: "Als der Hirte sein Schaf wiedergefunden hat, da hat er sich gefreut. Ja, er hat ein Fest mit seinen Nachbarn und Freunden gefeiert, so froh war er.“

„Wann freut sich Gott?“ Jetzt ging bei manchen Kindern ein Leuchten über das Gesicht. „Gott freut sich, wenn einer umkehrt, zurück zu Gott.“ „Wenn ein Mensch erkennt, er will bei Gott sein.“ „Er will sich an die Gebote halten.“ „Er will so leben, wie es Gott möchte.“

Die Religionslehrerin ist wieder zufrieden. „Jetzt müssen wir nur noch schauen, was mit den anderen ist. Wie steht es denn um die Schriftgelehrten und um die Pharisäer?“

„Ach!“, sagt da Nele, „die sind doch schon ganz nahe bei Gott. Die halten sich doch schon an die Gebote. Kann das sein, dass die einfach eifersüchtig sind?“

„Ja, eifersüchtig sind die, statt sich zu freuen, dass die Gruppe derer, die sich zu Gott halten, gerade wieder etwas gewachsen ist“, sagt da ein Junge. „Ach, das mit der Eifersucht und dem Mitfreuen ist schwer“, sagt ein Mädchen. „Da kenne ich mich aus!“

Die Religionslehrerin nickt: „Vielleicht hilft es dann, an das verlorene Schaf zu denken. Es war ganz alleine unterwegs. Es kannte sich nicht aus. Es wusste nicht, wohin. Da kommt der Hirte, freut sich, nimmt es auf seine Schultern und trägt es zu den anderen. Spürt ihr die Freude des Schafes und die Freude des Hirten? Wenn ihr dahin spürt, hat die Eifersucht wenig Chancen, sich breit zu machen, Kinder!“

Das war das Schlusswort der Religionslehrerin. Wieder musste schnell zusammengeräumt werden, denn die Stunde war um.

Ab nächster Woche erzähle ich dir Geschichten aus der Apostelgeschichte. Manche kennts du sicherlich schon. Andere sind noch ganz neu für dich.

Lk 15, 1-7

16.5.2026

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Nele, Oma und der Psalm 23 Teil 2