Jeremia in der Zisterne
Einen Brief soll ich schreiben! Das will Gott von mir. Endlich habe ich mal was zu tun, wo ich mich sicherfühle. Als redender Prophet, da fühle ich mich nicht wohl. Aber Schreiben, das werde ich wohl können. Was soll ich denn schreiben? Was will Gott, dass ich schreibe? Und wem?
Gott redet mit mir und ich höre. Ein Brief nach Babylon soll es werden. In Babylon leben viele meiner Landsleute. Das eiserne Joch des Königs von Babel – ich habe es ausführlich angekündigt – ist Tatsache. Viele sind als Gefangene aus unseren Orten und Städten weggeführt worden. Sie müssen jetzt dort leben. Und ihnen soll ich einen Brief schreiben, eine Nachricht von Gott.
Hoffentlich sind es gute Nachrichten – ich wünsche es ihnen dort im fremden Land in der Gefangenschaft.
Also setzte ich mich hin und fange an, zu schreiben, was Gott mir diktiert:
"Nachricht von Gott an die Gefangenen in Babylon.
Baut Häuser und legt Gärten an und bepflanzt sie. Heiratet und bekommt Kinder. Verheiratet eure Kinder, auch sie sollen Kinder bekommen.
Suchet der Stadt Bestes. Betet für sie, dass es ihnen gut geht, denn wenn es den Babyloniern gut geht, geht es auch euch gut.
Glaubt nicht den Propheten, die davon träumen, dass ihr bald zurückkommt. Es sind ihre Träume, nicht Gottes Wort.
Wenn 70 Jahre um sind, dann will ich euch wieder heimbringen, in euer Land."
Jetzt schreibe ich noch schnell eine Grußformel, und dann ist der Brief fertig. Einen Boten, der ihn mit nach Babylon nimmt, finde ich morgen bestimmt.
Ob sie sich freuen, die Gefangenen in Babylon?
Ich freue mich. Ich finde es eine gute Nachricht. Die Gefangenschaft wird ein Ende nehmen. Sie werden wieder zurückkommen. Welche Aussichten.
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Da muss ich ihn wieder singen, meinen Hoffnungs-Vers.
Es vergeht eine Weile, dann bekomme ich Nachrichten aus Babylon. Die falschen Propheten, die da leben, sind aufgebracht. Diese Nachricht kann nicht von Gott sein. Gott rettet sein Volk. Bald!
Von wem soll denn die Nachricht sonst sein? Denken die, ich denke mir die Worte aus? Eine Frechheit, ist das. Ich bin ganz aufgebracht.
Die Zeit vergeht. Es wird immer schwieriger, in Jerusalem zu leben. Die Babylonier stehen vor der Stadt und belagern sie. Das Essen ist knapp. Ich bin ein Gefangener des Königs. Das hat Vorteile, ich bekomme nämlich jeden Tag ein Fladenbrot. Da bin ich besser dran als viele andere in der Stadt. Die Menschen hier hätten gerne gute Nachrichten von Gott. Doch ich wiederhole immer wieder aufs Neue, was ich schon vor langer Zeit gesagt habe: „Wer hier bleibt, wird durch Krieg, Hunger und Krankheit sterben. Geht zu den Babyloniern, da werdet ihr überleben.“
Die Freunde des Königs hören das nicht gerne. Ich weiß! Aber was soll ich anderes sagen.
Da tun sich einige Männer zusammen, packen mich und zerren mich zur Zisterne. Sie beschimpfen mich. Ich sei ein Verräter, ich würde den Kampfes- und Durchhaltewillen des Volkes kaputtmachen. Ich gehöre umgebracht. Dann lassen sie mich an einem Seil hinunter in die Zisterne. In der Zisterne ist schon lange kein Wasser mehr, aber dadurch wird sie auch kein guter Ort. Sie ist tief, dunkel, feucht, glitschig und schlammig. Da sitze ich jetzt, mitten im Morast. Bin ich froh, dass ich früher, als ich die Schriften gelesen und gelernt habe, die richtigen Worte für meinen Zustand kenne. In den Psalmen stehen sie:
„Rette mich, Gott! Ich bin versunken in tiefem Schlamm. Erschöpft bin ich vom Schreien. Meine Kehle ist schon heiser. Ich habe viele, viele Feinde. Sie hassen mich alle. Rette mich, Gott!“
Immer wieder wiederhole ich diese Worte. Am Schluss bleibt nur noch: „Rette mich, Gott!“ Gott erhört mich! Als ich da so verzweifelt sitze, in der Zisterne. Da höre ich Geräusche von oben. Es werden Stricke zu mir heruntergelassen. Mir wird erklärt, wie ich mich verhalten soll. Ich mache es genau so, und es dauert nicht lange und ich werde aus dem Loch gezogen. Viele Menschen haben zusammengeholfen. Dann werde ich zum König gebracht. So wie ich bin: nass, kalt, fertig. Der König will ein Gotteswort für sich. Eine Nachricht von Gott für ihn. Da habe ich eines. Von Gott in meinen Mund gelegt:
"Ergibt dich dem babylonischen König. Dann wird diese Stadt nicht verbrennen und du und deine Familie, die werden am Leben bleiben.“
Der König traut sich nicht. Ich muss weiter mit ihm sprechen. Immer wieder wiederhole ich es. „Ergib dich, König!“
Der König beschwört mich, niemandem etwas von dem, was wir besprochen haben, zu sagen. Klar mache ich das. Es ist ja auch zu meinem Besten. Ich darf wieder im Hof des Palastes bleiben und bekomme ein Brot.
Lied: Text: Schalom Ben-Chorin (nach Jeremia 1,11) Melodie: Fritz Baltruwein
Jer 29, 1-14; 38, 4-13; 39 i.A.; Ps 69, 1-5
12.9.2026