Jeremia ist voller Hoffnung

Schwere Zeiten sind das hier am Königshof in Jerusalem. Da sitze ich als Gefangener und gleichzeitig als Geschützter durch des Königs Gnade. Ich, der Prophet Jeremia. Ich kann nicht hingehen, wo ich will. Ich muss hierbleiben. Aber mich kann auch keiner umbringen oder wegbringen. Und ich kriege täglich Brot. Es könnte mir also schlechter gehen. Schön ist es hier jedoch nicht. Es ist Krieg. Vor den Stadtmauern unserer Stadt stehen die Babylonier. Immer wieder werfen sie dicke Steine über die Mauer, oder schießen mit Pfeilen auf die Wächter, die auf der Mauer ihren Rundgang machen. Manchmal versuchen sie auch, einen Eingang zur Stadt zu durchbrechen. Es ist laut hier. Das Wasser ist schlecht, denn die Zisterne ist leer. Die Brote werden immer kleiner. Doch der König ergibt sich nicht – obwohl es Gott will und ich es ihm schon viele, viele Male gesagt habe.

Gestern Nacht habe ich von Gott eine Nachricht über einen Acker bekommen. Ein Acker in dieser Zeit. Was soll das werden?

Und dann bekomme ich Besuch. Besuch? Ja, wirklich Besuch. Der Sohn meines Onkels hat sich in der Nacht durch den Belagerungsring der Babylonier geschlichen und hat sicher die Stadt erreicht. Dann hat es sich durchgefragt und ist bei mir gelandet. Er will ein Geschäft mit mir abschließen. Es gibt einen Acker in Anatot, den soll ich kaufen. Ich habe sozusagen das Vorkaufsrecht, ich bin eigentlich zum Kauf verpflichtet. Einen Acker? Ich soll einen Acker kaufen? Will das Gott? In dieser Zeit? Ja, Gott will es. Sonst wäre mir ja heute Nacht nicht der Acker durch den Kopf gegangen. Also lasse ich Baruch, den Schreiber, und meinen Freund, rufen.

Er soll eine Urkunde aufsetzen. Einen Vertrag zwischen meinem Cousin und mir. Ordentlich macht er das. Baruch ist einfach ein guter Schreiber. Zweimal schreibt er den Vertrag. Ich unterzeichne ihn. Und ein Siegel kommt auch noch dazu. Zeugen unterschreiben auch. Ich, Jeremia, habe den Acker in Anatot gekauft. Hier mitten im Kriegsgetümmel. Man sollte meinen, wir haben ganz andere Probleme, als einen Acker zu kaufen, zumal ich gerade gar nicht hingehen kann. Doch Gott will es!

Baruch muss mir noch einen schönen Tonkrug besorgen. Darin soll der Vertrag, die Schriftrolle, aufbewahrt werden. Als alles erledigt ist, stelle ich den Krug so in den Königshof, dass ihn jeder sehen kann. Ich habe einen Acker gekauft. Mitten in der Belagerung. Was soll das wohl bedeuten? Mit ist es klar. Es gibt eine Zeit nach der Belagerung. Eine Zeit nach dem Krieg und nach dem Elend. Gott sagt, es bleibt nicht so. Es wendet sich die Zeit zum Guten.

Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

Mir ist nach Singen. Hier im Hof des Palastes, mitten in der Belagerung.

Ein paar Tage vergehen. Manchmal fragt mich jemand, was denn der Krug hier zu bedeuten hat, und ich erzähle es dann. Einen Acker habe ich gekauft in Anatot.

Wir feiern in diesen Tagen das Passahfest in der Stadt. Naja, feiern ist vielleicht etwas übertrieben. Aber wir erinnern uns, wie das damals war, als Gott uns aus Ägypten geführt hat. In die Freiheit, in das gelobte Land. Das Land für uns. Wir waren sein Volk und er war unser Gott. Er hat einen Bund mit uns geschlossen. Wir sollten ihn als Gott achten und ehren, und er hat uns Regeln gegeben, damit wir gut zusammenleben können. Und was haben wir daraus gemacht? Wir haben ihn nicht geachtet und geehrt und die Regeln des guten Miteinanders haben wir gebrochen. Hauptsache, man konnte gute Geschäfte machen, egal ob es dem anderen damit schlecht ging. 

Dieses Passahfest ist ein schwerer Tag für mich. Wie oft habe ich das Volk, die Priester, den König erinnert: „Haltet euch an die Gebote! Achtet Gott!" Sie wollten nicht hören. Und jetzt sind wir da, wohin uns Gott geführt hat. Im Krieg, im Verderben.

In dieser Nacht redete Gott mit mir. Was für Nachrichten.

Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

Es ist kaum zu glauben. Wieder lasse ich Baruch rufen. Es ist so unglaublich, was Gott sagt. Baruch muss es aufschreiben. Es darf nicht verloren gehen oder vergessen werden.

Es wird ein anstrengender Tag für mich. Ich bin alt und krank und das wenige Brot und das schlechte Wasser machen mich auch nicht gesünder. Aber diese Nachricht muss in einer Schriftrolle aufgeschrieben werden.

Als Baruch endlich da ist, fange ich an zu diktieren:

„Gott schließt einen neuen Bund mit seinem Volk.“ – Das ist die Überschrift.

„Dieser neue Bund, wird anders sein als der Bund, den ich damals nach dem Auszug aus Ägypten mit euren Vorfahren geschlossen habe.

Damals habe ich eure Vorfahren an die Hand genommen und aus Ägypten geführt.

Diesmal werde ich meine Weisung in jeden Menschen meines Volkes legen. Direkt in sein Herz schreiben werde ich sie. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein.

Sie werden keine Lehrer und Priester brauchen. Jeder kennt meine Weisung, ob groß oder klein, jung oder alt.

Ich werde ihnen ihre Schuld vergeben.

Und die geschundene Stadt Jerusalem wird wieder eine prächtige Stadt werden. Die Gefangenen aus Babylon werden wieder zurückkommen und hier ihre Felder bestellen und ernten.

Wort von Gott!“

Ich bin fertig mit Diktieren. Baruch ist fertig mit Schreiben.

Schnell und schwach singe ich noch einmal mein Lied:

Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

Ich werde es nicht mehr oft singen können. Mein Leben wird nicht mehr lange dauern. Es war ein aufregendes, anstrengendes Leben. Da wurde ich Prophet und wollte es nicht. Da richtete ich Gottes Worte aus und keiner hörte mir zu. Das Unheil wurde immer größer. Doch zum Schluss bleibt viel Hoffnung.

Gott hat sein Volk, uns Menschen, nicht vergessen. Er wird uns seinen neuen Bund in unser Herz schreiben. 

Nächste Woche erzähle ich dir was von Psalm 104 und Lieddichtern. Kennst du Lieddichter?

Lied: Text: Schalom Ben-Chorin (nach Jeremia 1,11) Melodie: Fritz Baltruwein

Jer 31, 31-34; 32, 6-16

19.9.2026

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Jeremia in der Zisterne