Was will der denn hier? Oder: Jesus zieht in Jerusalem ein.
Ich stelle mich mal vor. Ich bin Ezra. Ich wohne in Jerusalem in einer kleinen Kammer. Das ist nicht so wichtig, denn ich bin jeden Tag im Tempel und lese die heiligen Schriften der Thora. Das ist mir wichtig. Gottes Wort genau zu kennen, es zu verstehen und zu halten. Würdest du mich in der Nacht wachrütteln und nach den Geboten Gottes fragen, ich könnte sie dir alle aufzählen. Aber nicht nur, dass ich sie weiß, ist mir wichtig. Nein, ich versuche jeden Tag sie zu halten, alle. Ich möchte gut vor Gott dastehen. Das ist mir wichtig. Dafür setze ich meine Lebensenergie ein.
Wenn ich im Tempel bin, treffe ich andere Menschen, die das gleiche Ziel haben. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Da sind die vielen Schriftgelehrten, die führenden Priester und der Hohepriester, und ich gehöre dazu.
Seit einiger Zeit hören wir hier im Tempel immer wieder Menschen von einem gewissen Jesus erzählen. Und was die von ihm erzählen, beunruhigt uns. Er spricht von Gott und nennt ihn seinen himmlischen Vater. Er hat angeblich – ich kann es gar nicht glauben – gesagt: Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat. Unvorstellbar. Unser heiliger Sabbat, an dem alles ruht, so wie Gott nach seiner Schöpfung geruht hat. Genauso sollen wir es halten. Keine unnötigen Schritte gehen, nur das Allernötigste tun. Und dann raufen die Freunde und Freundinnen an einem Wegesrand Getreideähren aus und puhlen die Getreidekörner aus den Halmen und essen sie – an einem Sabbat. Unvorstellbar.
Viele andere Dinge erzählen die Menschen, vor allem die vom See Genezareth kommen von Jesus. Er soll Menschen heilen. Er soll große Reden halten. Sein Freundeskreis soll immer größer werden. Und erst vor ein paar Tagen hat jemand erzählt, Jesus wäre mit einigen seiner Freunde und Freundinnen auf dem Weg nach Jerusalem. Er will zum Passahfest hier sein und hier feiern. Ich bin mal gespannt, ob ich ihn dann mal sehe.
Doch jetzt bricht der Abend an, ich mache mich auf den Heimweg. Ich brauche eine Runde Schlaf und Erholung. Die viele Leserei in den heiligen Schriften ermüdet mich immer wieder und meine Augen brauchen auch Erholung.
Die Tage vergehen, das Passahfest kommt immer näher, und die Stadt Jerusalem wird immer voller. So viele Pilger kommen zum Feiern an den Tempel. Immer wieder kommen Pilgergruppen singend durch unser Stadttor gezogen. Sie singen Psalmen und freuen sich auf das Fest im Tempel.
Doch was sehe ich da? Das ist ja eine eigenartige Pilgergruppe. Einer sitzt auf einem jungen Esel, auf den ein paar Kleidungsstücke gelegt sind. Die anderen gehen vor dem Reiter auf dem Esel her und legen ihre Überkleider auf den Weg. Sie jubeln und schreien. Sie loben Gott für all die Wunder, die sie miterlebt haben. Sie rufen: Gesegnet ist der König, der im Namen Gottes des Herrn kommt. Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!
Ich halte die Luft an. Ja, was ist denn das? Sowas habe ich noch nie erlebt.
Doch dann sehe ich einen Mann aus meinem Freundeskreis im Tempel auf den Reiter auf den Esel zugehen. Ich komme auch näher, ich will genau sehen und hören, was da passiert. Mein Freund sagt: Mensch Jesus, der du ein Lehrer sein willst, bringe doch deine Freundinnen und Freunde zur Vernunft! Und was sagt dieser Jesus – jetzt habe ich ihn also das erste Mal gesehen –, was sagt der?:
Das sage ich euch Gelehrten: Wenn meine Freundinnen und Freunde schweigen, dann werden statt ihrer die Steine schreien!
Na sowas. Meint dieser Jesus, die Steine auf den Straßen von Jerusalem würden ihn bejubeln, wenn es seine Freundinnen und Freunde nicht täten? Und was ist das überhaupt für ein Aufzug? Auf einem kleinen Esel in Jerusalem einzureiten?
Ich sehe schon, die Menschen hatten die wunderlichen Dinge, die sie von Jesus erzählten, nicht erfunden. Dieser Jesus ist wunderlich.
Ihr könnt euch vorstellen, dass wir am Tempel alle ganz aufgebracht waren über diesen Jesus, als wir uns alle wieder sahen. Wir fragten uns: Was will der denn hier? Er bringt doch alles durcheinander?
Gleichzeitig waren wir neugierig, warum er auf einem Esel eingeritten kam. Wir hatten es bald herausbekommen. Kurz vor Jerusalem schickte Jesus zwei seiner Freunde in ein Dorf. Dort würden sie einen Esel angebunden sehen, auf dem noch nie ein Mensch geritten war. Sie sollten ihn losbinden und zu Jesus bringen. Und wenn jemand sie fragte: Warum macht ihr das? Dann sollten sie sagen: Der Herr braucht ihn! So wie Jesus es den Freunden erklärt hatte, so kam es dann auch. Sie brachten die jungen Esel zu Jesus, legten Kleider über den Rücken des Tieres, und so zog Jesus in Jerusalem ein.
Ich bin immer noch am Nachdenken, was die Freunde und Freundinnen von Jesus gerufen haben: Gesegnet ist der König, der im Namen Gottes des Herrn kommt. Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!
Jesus ein König? Na, das stelle ich mir anders vor. Kein Esel, vielleicht ein Pferd, vielleicht eine Krone. Keine Alltagskleidung auf der Straße. Ein König, der im Namen Gottes des Herrn kommt. Was für eine wirre Idee.
Was will der denn hier? Wir wollen ein ruhiges, feierliches, störungsfreies Passahfest hier in den nächsten Tagen feiern.
Ich habe das Gefühl, Jesus ist ein wichtiges Gesprächsthema in unserer Stadt. Mal schauen, was in den nächsten Tagen geschieht.
Genau! Sind wir gespannt, was uns Ezra nächste Woche erzählt.
Lk 19,29-40; Mk 2,27; Mt 6,9
7.3.2026