Wie bringen wir ihn um?
Ich bin Ezra, du kennst mich ja schon. Meine Tage verbringe ich im Tempel und lese die heiligen Schriften der Thora. Gottes Wort ist mir wichtig. Ich will es genau kennen und keine Fehler machen. Alle Gebote kann ich. Und ich versuche mich mit sehr großer Mühe darin, sie auch wirklich zu halten. Mit mir sind viele Männer, junge und alte, am Tempel und studieren die Schriften. Dazu kommen dann noch die richtigen Schriftgelehrten – vielleicht werde ich ja auch mal einer – und die führenden Priester und der Hohepriester.
Wir sind gerade in der Woche vor dem Passahfest. Jerusalem ist voller Menschen. Sie sind hierhergekommen, um im Tempel das Passahfest zu feiern. Auch dieser Jesus. Ich habe dir ja schon erzählt, wie er, von seinen Freundinnen und Freunden begleitet, auf einem jungen Esel in Jerusalem eingeritten ist. Komisch war das. Richtig komisch.
Ja, und jetzt ist er da. Er ist auch jeden Tag im Tempel. Menschen sitzen bei ihm und hören ihm aufmerksam zu. Er liest nichts aus den Schriften vor. Nein, er erzählt von Gott. Gerade so, als wäre er dicke mit ihm befreundet. Ich kann da nur den Kopf schütteln.
Und heute Mittag kam es dann zu einem Vorfall. Sowas ist im Tempel noch nie passiert. Wir waren alle sehr erschrocken – zuerst; und dann aufgebracht. Jesus kam in den Tempel und er begann die Menschen hinauszujagen, die da etwas verkauften. Im Tempel wurde schon immer was verkauft. Tauben z. B., weil sie Menschen als Opfer in den Tempel brachten, um Gott damit eine Freude zu machen. Das ist alles streng geregelt. Wer wo was verkaufen darf.
Und jetzt kommt Jesus und jagt die Händler aus dem Tempel. Das darf der gar nicht. Natürlich wurde er streng zu seinem Verhalten befragt. Und was sagt er? „In der Heiligen Schrift steht: ‚Mein Haus soll ein Gebetshaus sein. Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.‘“
Ja, es stimmt. Ich habe den Satz schon bei den Propheten Jesaja und Jeremia gelesen. Aber das war damals ja eine andere Zeit. Bei uns im Tempel ist jetzt alles klar geregelt.
Du kannst dir vorstellen, dass wir im Tempel ganz aufgebracht waren. Das kann Jesus nicht machen. Wir haben unsere Gesetze und Vorschriften im Tempel. Da hat er sich nicht einzumischen. Das geht ihn nichts an!
Die Stimmung gegen Jesus wurde fast von Stunde zu Stunde schlechter unter uns. Die ersten raunten einander zu: „Den bringen wir um! Dann herrscht hier wieder Ruhe!“
Aber leichter gesagt als getan.
Jesus war jeden Tag im Tempel und mit ihm viele Menschen, die ihn hören wollten. Ohne einen großen Aufruhr konnten wir nicht gegen ihn vorgehen. Die Menschen, die ihn hören wollten, waren oft seinetwegen gekommen. Die hätten ihn sicherlich verteidigt, wenn wir ihn von der Tempelpolizei hätten abführen lassen. So ging das also nicht.
Wir dachten nach und tuschelten. Und das Fest kam immer näher. Und dann stand plötzlich ein Mann bei uns – Judas – der half uns unheimlich weiter.
Wir wissen nicht, wie es kam, dass Judas auf uns zuging. Er war nämlich einer aus dem engen Freundeskreis von Jesus. Hatte er sich über Jesus geärgert? Wollte er Jesus vielleicht dazu bringen, sich als Gottes Sohn zu zeigen – aber sowas darf ich gar nicht denken. Jesus ist ein Mensch wie du und ich, kein Sohn Gottes. Auch wenn es viele Menschen gibt, die das erzählen.
Judas kam also zu uns und sprach mit den führenden Priestern und den Hauptleuten der Tempelwache. So entstand ein Plan. Judas würde uns rechtzeitig sagen, wo man Jesus gefangennehmen konnte, an einem günstigen Ort. Also vielleicht in der Nacht, wenn nicht mehr so viele Menschen auf der Straße sind, oder an einem abgelegenen Ort, wo auch nicht die großen Menschenmassen unterwegs sind. Du kannst dir vorstellen, dass wir begeistert waren. Endlich bewegte sich was in der Sache Jesu. Bald würden wir das Problem gemeistert haben. Unsere Leute handelten einen Preis für Judas’ Dienste aus. Er war mit dem genannten Geldbetrag einverstanden.
Judas ging wieder zurück zu seinen Freunden und zu Jesus
Es dauerte noch einen Tag und dann kam die Nachricht von Judas: Heute Abend führe ich euch zu Jesus. Es ist ein guter Ort für euch. Das Volk wird nichts davon merken.
Wir waren alle aufgeregt, ob der Plan wohl klappen wurde.
Davon erzählt dir Ezra nächste Woche.
Lk 19,45-48; 22,2-6
14.3.2026