Gefangengenommen!

Ich bin Ezra, du kennst mich ja schon.

Und jetzt wird es spannend. Wir haben uns ja gegen diesen Jesus aus Nazareth verbündet. Wir, die wir viel Zeit im Tempel verbringen. Also die einen arbeiten ja hier, die Priester, der Hohepriester und die Tempelwache. Und dann sind da noch die Schriftgelehrten und solche, die es vielleicht noch werden wollen, also solche wie ich.

Wir wollen, dass dieser Jesus verschwindet und bei uns am Tempel wieder Ruhe einkehrt. Nicht, dass er nochmals die Händler hinauswirft. Sowas geht gar nicht.

Judas, ein guter Freund von Jesus, hat uns verraten, dass es heute Abend eine gute Gelegenheit gibt, den Jesus gefangen zu nehmen.

Wir sind alle ganz aufgeregt.

Und ich wundere mich über mich selbst. Normalerweise gehe ich nach meinen Studien in den heiligen Schriften in mein Zimmer, esse eine Kleinigkeit und lege mich dann zum Schlafen nieder. Heute führen mich meine Füße nicht nach Hause, sondern zum Ölberg. Da soll heute der Treffpunkt sein für die Tempelwache mit Jesus.

Der Ölberg ist am Abend und in der Nacht ein guter Ort. Es ist da dunkel. Und es gibt viele große alte Olivenbäume, hinter die man sich stellen kann, da sieht und merkt einen keiner. So einen Olivenbaum habe ich mir ausgesucht und mich dahintergesetzt. An so einem Ort ist es sehr still, und man hört dadurch sehr gut. Und wirklich, ich höre Schritte ganz in meiner Nähe, jedoch hinter meinem Olivenbaum. Ob das wohl Jesus ist? Ich bin gespannt. Seine Freundinnen und Freunde sind auf jeden Fall dabei, wenn er es ist. Ich höre mehrere Menschen. Es raschelt und raschelt. Scheinbar setzten sie sich. Und dann begint jemand zu sprechen. Es wird wohl Jesus sein: „Betet, liebe Freundinnen und Freunde. Betet, damit ihr die kommende Prüfung bestehe!" Noch ein paar Schritte, Jesus scheint weiter wegzugehen. Es raschelt. Vielleicht hat sich Jesus hingesetzt oder hingekniet? Dann höre ich ihn wieder reden: „Vater, wenn du willst, nimm diese schwere Aufgabe von mir. „Doch: Nicht was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!“

Wieder raschelte es und die Schritte kamen wieder näher. Er war wieder bei seinen Freundinnen und Freunden. Wieder spricht er: „Wie könnt ihr nur schlafen? Steht auf und betet, damit ihr die kommende Prüfung besteht."

Während Jesus das sagte, hörte ich viele Schritte. Das sind wohl die Männer der Tempelwache, sie gehen ganz gleichmäßig. Sie haben Fackeln dabei. Man erkennt sie jetzt gut. Ihnen voraus geht Judas.

Ich stehe auf hinter meinem Olivenbaum und schaue ums Eck. Judas geht geradewegs auf Jesus zu. Er geht hin und küsst ihn, wie man einen guten alten Freund begrüßt. Aber Jesus sagt zu ihm: „Mensch Judas, willst du mich wirklich mit dem Kuss verraten?“

Jetzt kapieren die Freundinnen und Freunde von Jesus, was los ist. Sie springen auf. Sie reden durcheinander: „Sollen wir dich verteidigen? Sollen wir zuschlagen?“

Da war plötzlich ein Schwert – wo das wohl herkam? – Ich hatte diese Gruppe nie bewaffnet gesehen.

Und einer von ihnen hieb einem Mann der Tempelwache das rechte Ohr ab.

Da wurde Jesus laut: „Hört auf damit!“

Er ging zu dem Mann, und heilte ihn mit seinem verwundeten Ohr.

Na, sowas, dachte ich. Bewundernswert! Da kümmert er sich um den verletzten Gegner, statt im Dunkeln zu verschwinden. Na, sowas!

Dann richtete Jesus sein Wort an die, die mit den Fackeln gekommen waren: Es waren viele, nicht nur die Tempelwache und die führenden Priester, nein, auch die Ratsältesten waren da. Er sagte: „Mit Schwertern und Knüppeln seid ihr hier angerückt! Bin ich denn ein Verbrecher? Und, war ich nicht täglich im Tempel? Dort hättet ihr mich leichter finden können als hier. Doch ihr habt nichts unternommen.

Doch, jetzt ist eure Stunde gekommen, und die Finsternis tritt ihre Herrschaft an.“

Dann nahmen ihn die Tempelwachen gefangen und führten ihn aus dem Ölberg. Die anderen verstreuten sich. Einige gingen der Tempelwache und Jesus hinterher.

Ich mache mich auf den Heimweg. Ich habe viel zu bedenken. Da hat Jesus gebetet und zu Gott, dem großen, allmächtigen, heiligen, geheimnisvollen Gott, Vater gesagt. Vater! Darf man das? Was wäre, wenn ich mich so fühlen würde, als wäre Gott mein Vater – und nicht mein Gesetzbuch? Es würde mich durcheinanderbringen. So habe ich nicht gelernt zu denken, wenn ich an Gott denke. Und gleichzeitig bin ich ein wenig neidisch. Da sagt Jesus zu Gott: Vater!

Und dann die Sache mit der Heilung des Mannes von der Tempelwache. Eigentlich ist es doch dumm von Jesus, nicht für sich selbst zu sorgen. Mit etwas Glück hätte er den Männern entkommen können.

Doch was hatte er gebetet: „Vater, wenn du willst, nimm diese schwere Aufgabe von mir. „Doch: Nicht was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!“

Will Gott, dass Jesus verhaftet wird?

Heute Morgen hatte ich noch gedacht, wenn dieser Jesus verhaftet wird, dann wird alles wieder gut. Doch nun bin ich wirklich verwirrt. Wie es wohl weitergeht, mit Jesus und mit mir?

Genau das erzählt dir Ezra nächste Woche.

Lk 22,39-53

21.3.2026

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Wie bringen wir ihn um?