Gekreuzigt!
Ich bin Ezra, du kennst mich ja schon.
Gestern war ich dabei, wie Jesus von den Tempelwachen verhaftet wurde am Ölberg. Danach bin ich heimgegangen und habe wohl einiges versäumt. Als ich heute in den Tempel kam, um in meinen Schriften zu lesen, war es wie in einem Bienenschwarm. Ein Gesurre und ein Raunen und leises Erzählen. Schnell wurde ich von den anderen über viele verschiedene Sachen informiert. Jesus wurde gestern Abend in das Haus des Hohepriesters gebracht. Es fand so etwas wie eine Gerichtsverhandlung statt. Und Jesus wurde schuldig gesprochen. Schuldig, die Regeln unserer Religion nicht zu achten. Doch wir sind ja von den Römern besetzt und dürfen keine Urteile fällen. So wurde Jesus zu Pontius Pilatus gebracht. Er sollte Jesus verurteilen. Doch so einfach ist das nicht. Pontius Pilatus hat Jesus verhört, aber er als Römer, der an seine Steingötter glaubt, konnte nicht verstehen, was Jesus Schlimmes gemacht haben soll, und findet keine Schuld.
Das regte alle frommen Juden unheimlich auf. Viele wollten, dass Jesus jetzt verurteilt wird und stirbt. Um das Haus von Pontius Pilatus versammelten wir uns. Soll Pontius Pilatus doch mal sehen, wie viele wir sind. Doch er blieb dabei. Jesus ist ohne Schuld. Doch da fiel einem ein Trick ein. Es ist ja gleich Passahfest und zum Fest wird immer ein Gefangener freigelassen. Und das sollte auf keinen Fall Jesus sein. Schon begannen die ersten Sprechchöre. „Barabbas soll frei sein!“ „Barabbas soll frei sein!“ Sie wurden immer lauter. Barabbas war ein Mörder und saß im Gefängnis. Pontius Pilatus verstand die Leute auf der Straße vor seinem Haus nicht. Wieder sprach er gut über Jesus. Doch die Leute wurden immer wilder: „Barabbas soll frei sein!“ „Barabbas soll frei sein!“ Und: „Kreuzige Jesus!“
Nach einiger Zeit hatten die Leute Erfolg. Pontius Pilatus ließ Barabbas frei und verurteilte Jesus.
Ich habe dir ja erzählt, dass ich gestern Abend mir schon so meine Gedanken gemacht habe über Jesus und Gott und mich.
Ich erinnere mich an das Gebet, das Jesus im Olivenwald am Ölberg gesprochen hat. „Vater, wenn du willst, nimm diese schwere Aufgabe von mir. „Doch: Nicht was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!“
Kann das sein, dass Gott will, dass Jesus gekreuzigt wird? Meinte Jesus das mit der schweren Aufgabe? Kann das wirklich sein?
Und dann geht alles ganz schnell. Mit Sonnenuntergang fängt ja unser Feiertag an. Und davor muss das Urteil noch durchgeführt werden. Jesus bekommt sein Kreuz auf die Schulter gelegt. Er muss es zum Platz der Hinrichtung tragen. Mit ihm sind zwei weitere Männer verurteilt worden, bekannte Verbrecher. Auch sie sollen gekreuzigt werden.
Ich bin dem Zug hinterhergegangen. Es war furchtbar für mich. Die einen ganz niedergeschlagen, weil Jesus jetzt getötet wird. Die anderen ganz aufgeregt. Endlich wieder Ordnung im Lande.
Bis ganz nahe hin bin ich nicht gegangen. Wo hätte ich mich auch hinstellen sollen? Zu den Freunden Jesu, das hätte nicht gepasst. Aber, und das hat mich verwundert, bei den Männern aus dem Tempel, da hätte ich mich auch nicht wohlgefühlt. Ob du es glaubst oder nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, Jesus für das, was er gesagt und getan hat, zu verurteilen.
Ich stehe also abseits und sehe, wie die Soldaten um die Kleider von Jesus würfeln. Ich sehe und höre, wie Männer aus dem Tempel sich über Jesus lustig machen: „Hilf dir doch selbst, wenn du Gottes Sohn bist, dann musst du hier nicht sterben.“
Auch die zwei Männer an den anderen Kreuzen reden noch mit Jesus. Sie verstehen nicht, warum er sterben muss. Sie erkennen, dass sie zu Recht verurteilt sind, aber Jesus nichts Unrechtes getan hat. Einer sagt sogar zu ihm: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortet ihm: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“
Und dann wird es plötzlich finster. Die Sonne hört auf zu scheinen. Das geht drei Stunden lang. Später erfahre ich, dass im Tempel zu dieser Zeit der Vorhang, der das Allerheiligste abtrennt, zerreißt, von oben bis unten, mitten durch.
Dann schreit Jesus noch einmal laut auf und sagt: „Vater, ich lege mein Leben in deine Hand.“ Und dann ist er tot.
Der römische Hauptmann, der die ganze Aktion überwachte, sagte: „Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter!“ Andere schlugen sich auf die Brust. Ich tat es auch. Wir machen das so, wenn wir Trauer und Schmerz erleben.
Ich erlebe Trauer und Schmerz, weil Jeus tot ist. Vor wenigen Tagen hätte ich das nicht für möglich gehalten. Ich hätte gedacht, ich wäre froh und erleichtert. Bin ich nicht.
Die Sonne ist wieder da. Ich mache mich auf meinen Heimweg. Bald ist die Zeit des Sonnenuntergangs. Zuvor will ich zu Hause sein, denn unser Feiertag beginnt ja dann.
Ich mache mir viele Gedanken. Haben wir Jesus nicht richtig verstanden? Was, wenn wir Gott falsch verstehen? Ich bin durcheinander.
Erza wird auch in den nächsten Tagen noch durcheinander sein. Es gibt Neuigkeiten von Jesus, die eigentlich erstmal keiner richtig versteht. Davon erzähle ich dir nächste Woche.
Lk 23,13-25; 32-49 i.A.
28.3.2026