Die Goldene Regel
Letzte Woche habe ich dir ja mal wieder eine Geschichte von den Jesus-Detektiven erzählt. Heute sind wir auch wieder mit ihnen zusammen.
Simon ist heute ein Häufchen Elend. Der Junge, der in der Straße bei der Synagoge wohnt, war so wie immer. Er versprach dies und jenes und hielt es nicht.
Da hatte sich Simon so gefreut, dass heute ein großes Versteckspiel stattfinden sollte. Alle Jungs aus dem Dorf sollten dabei sein. Simon hatte sich schon den Kopf zerbrochen, wo er sich am besten verstecken könnte. Es sollte ein ungewöhnlicher Ort sein, ein Ort, den man noch nicht kannte. Vielleicht flach auf einer Dachterrasse liegend? Oder hinter dem knorrigen, alten, dicken Feigenbaum am Dorfrand? Simon war noch unentschlossen, aber schon mit Vorfreude erfüllt. Das würde ein vergnüglicher Nachmittag werden. Die anderen haben sich sicherlich auch gute Verstecke ausgedacht.
Als Simon zum Dorfplatz kam, wunderte er sich. Es waren nur zwei Jungs da.
Und dann kam der Junge von der Straße bei der Synagoge. Er stellte sich hin und lachte: „So, so, da wollt ihr also mit einer großen Meute Verstecken spielen. Hi, hi, hi! Das wird nichts. Die anderen kommen nicht und ich gehe auch wieder. Ich habe was Besseres vor.“ So redete er und rannte davon.
Die drei blieben verdutzt zurück. Nun könnten sie zwar gemeinsam was machen, aber ihnen war erst mal der Tag verdorben.
Simon ärgerte sich über sich selbst. Warum hatte er dem Lügenmaul geglaubt? Warum lud er nicht selber seine Freunde zum Versteckspielen ein? Das könnte er besser als der blöde Junge.
Esther tröstete Simon, so gut sie konnte. Doch der wollte sich eigentlich gar nicht trösten lassen. Selbst beim Abendessen war er noch schlecht gelaunt und versank in Selbstmitleid.
Am nächsten Morgen musste Esther, wie so oft, Wasser holen am Brunnen. Manchmal machte sie das gerne. Morgens war die Luft noch kühler und klar. Und am Brunnen erfuhr man immer gute Neuigkeiten.
Und so war es auch heute. Die Frauen redeten über eine goldene Regel. Jesus soll sie gesagt haben. Esther hörte aufmerksam zu. Aber was die goldene Regel beinhaltet, bekam sie nicht zu hören. Jedoch, dass die Frauen sie alle gut fanden.
„Schade“, dachte Esther, jedoch war sie nun richtig neugierig.
"Das war doch was für Simon", dachte sie. Da musste er sich nicht über den seltsamen Jungen ärgern. Sollte Simon doch mal nach der goldenen Regel umhören.
Kaum war Esther mit dem vollen Wasserkrug zu Hause, da passte sie Simon ab. Unter ihrem Feigenbaum tuschelten sie geheimnisvoll miteinander.
Klar, dass Simon sofort darauf ansprang. Er war schon unterwegs zum Töpfer. Da lauschte er ja besonders gerne den Gesprächen der Erwachsenen.
Es dauerte eine Weile, dann kam ein Mann vorbei. Er kam aus einem Nachbardorf, um neue Teller zu kaufen. Seine waren nach und nach zerbrochen.
Der redete mit dem Töpfer und es ging um die goldene Regel. Der Mann fand sie gut. Besonders lobte er, dass man sie sich so gut merken konnte. Nichts Kompliziertes, nicht viele umständliche Worte. Einfach so ein Satz, der sofort zu verstehen ist.
Jetzt war Simon so neugierig, dass er dem Mann vom Töpfer weg, nachging. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach ihn an: „Entschuldigung, dass ich frage, aber, können Sie mir sagen, wie die goldene Regel lautet?“ Simon hat seine vornehmste Sprache genutzt. Höflich wollte er auf jeden Fall sein.
Der Mann blieb verdutzt stehen und sah Simon an. „Das interessiert dich?“, fragte er. „Na klar!“, sagte Simon. „Mich interessieren Sätze von Jesus. Und das ist doch wohl ein Satz von Jesus?“
Der Mann nickte: „Ja, ein Satz von Jesus! Pass auf, er geht so: Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr behandelt werden wollt.“
Simon hatte aufmerksam zugehört. Wirklich ein unkomplizierter Satz. Er wiederholte ihn laut: „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr behandelt werden wollt.“
Der Mann nickte: „Genauso hat ihn Jesus gesagt!“
Simon bedankte sich artig und rannte nach Hause. Das musste er Esther erzählen.
Ester erwartete ihn schon. Sie saß noch unter dem Feigenbaum.
Simon setzte sich zu ihr und erzählt ganz abgehetzt vom Töpfer, dem Mann aus dem Nachbardorf und der goldenen Regel. Und dann sagte er sie: „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr behandelt werden wollt.“
Esther hatte auch aufmerksam zugehört und wiederholte sie gleich nochmals für sich: „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr behandelt werden wollt.“
„Man, Simon, das ist ein prima Satz für unser Abendessen heute.“,
Und so war es dann auch. Die Eltern und die Oma fanden den Satz auch gut.
Und Simon, dem ja der Ärger mit dem Jungen aus der Synagogenstraße noch etwas im Kopf herumging, hatte dann eine wirklich wichtige Erkenntnis. Der Junge fände es nicht gut, wenn man mit ihm so umginge, wie er mit Simon umgegangen ist. Sollte nun Simon gemein sein und mal so mit dem Jungen umgehen, wie er mit ihm umgegangen ist? Sie diskutierten beim Abendessen. Rachegelüste hatte Simon schon. Aber wenn er sich so verhalten würde, würde er gegen die goldene Regel verstoßen. Und das war sicher: Das wollte er nicht!
Der Vater lobte ihn für diese Erkenntnis: „Simon, ich bin stolz auf dich, wenn du das schaffst, nicht gleiches mit gleichem zu vergelten, sondern dich an die goldene Regel zu halten. Das erscheint vielleicht im ersten Moment als dumm. Langfristig ist man der Schlauere und fühlt sich wohler.“
Und dann, sie waren fast schon beim Aufräumen, sagte der Vater noch: „Morgen oder übermorgen werden wir die Feigen ernten. Kinder, da brauchen wir eure Unterstützung. Der Weg auf die Dachterrasse ist für die Oma zu beschwerlich. Da sind eure jungen Beine gefragt.“ Simon und Esther nickten. Das wussten sie schon. Und ein wenig Spaß war ja auch dabei.
Nächste Woche sind die Jesus-Detektive nochmals im Einsatz. Da geht es auch um Arbeit und Unterstützung. Und es geht um einen Vater und seine beiden Söhne.
Mt 7,12
4.7.2026