Jeremia wird Prophet
Da stelle ich mich dir mal vor. Jeremia ist mein Name. Mein Vater ist Priester am Tempel. Ich bin mehr so der Lese-Typ. Schriftrollen haben mich schon als kleinen Jungen fasziniert. Es hat so etwas Geheimnisvolles, eine Schriftrolle. Von außen kann man nicht sehen, was drinnen ist. Man muss sie erst ausrollen. Dann erkennt man auch erst, wie lang sie ist, ob viel Text drinsteht oder wenig. Und dann fange ich an zu lesen und bin mitten in einer anderen Welt. Immer und immer wieder habe ich die Schriftrollen gelesen, die mein Vater als Priester braucht. Die kann ich nun schon alle auswendig. So sehr viele sind das ja nicht. Diese Liebe zum Lesen hat mich in eine besondere Gruppe gebracht. Sie nennt sich Hosea-Gruppe. Hosea war mal ein Prophet. Dessen Schriften sind unsere Lieblingsschriften. Aber es gibt auch noch ganz andere. Auch aus fernen Ländern, auch in anderen Sprachen. Da wird es dann schwierig, aber auch noch spannender. Wir sind verschieden alte Männer. Baruch, er wurde mir langsam zum Freund, ist schon etwas älter als ich. Er hat gerade seine Ausbildung als Schreiber beendet. Schreiber zu sein ist eine anstrengende Aufgabe. Alle Buchstaben müssen schön gleichmäßig sein. Kein Fehler darf passieren. Ausbessern gibt es nicht, da muss man dann wieder von vorne anfangen. Aber wenn man mal seine Ausbildung gut abgeschlossen hat, dann war man ein wichtiger und gefragter Mensch. Baruch wollte gerne für den Königshof arbeiten.
Ich bin deutlich jünger als Baruch und ich weiß noch nicht so recht, was ich mal werden will. Was mit Schriftrollen auf jeden Fall. Das ist schon mal klar.
Und dann, dann kommt alles ganz anders.
Eines Nachts, da spricht Gott zu mir. Das klingt jetzt ganz banal und irgendwie selbstverständlich. Aber so ist das nicht. Wenn Gott zu einem spricht, dann ist das wie ein Erdbeben. – Also bei mir war das halt so. – Es ist Nacht und ich meinte, zu schlafen. Da höre ich eine Stimme:
„Jeremia, ich kenne dich schon lange. Schon bevor du geboren wurdest, habe ich dich für heilig befunden und dich zum Propheten über die Völker bestimmt.“
Wie? Ich zum Propheten über die Völker? Schon bevor ich geboren wurde? Das kann nicht sein. Da habe ich ja noch nichts davon gemerkt. Und überhaupt: Ich bin doch viel zu jung. Ich weiß ja noch gar nicht, was ich werden will. Und Prophet steht nicht auf meiner Liste der möglichen Berufe. Und reden müsste ich da ja können. Nein, reden kann ich nicht. Lesen und Schreiben, das geht schon, aber reden, das geht nicht. Ach, Herr und Gott, suche dir doch einen anderen. So waren meine Gedanken in dieser Nacht.
Doch da hatte ich keine Chance. Gott sprach weiter mit mir:
„Sag nicht, dass du zu jung bist, sondern gehe, wohin ich dich sende! Und rede, was ich dir sage! Und fürchte dich nicht vor denen, denen du meine Nachricht bringst. Denn ich bin an deiner Seite. Ich werde dir beistehen und dich retten!“
Gott wird mir beistehen und mich retten. Mut macht mir das nicht. Wenn er mich retten will, dann muss ich ja in Gefahr sein.
Und dann spüre ich, wie etwas meinen Mund berührt. Und wieder spricht Gott:
„Schau, Jeremia, ich lege meine Worte in deinen Mund. Ich gebe dir heute den Auftrag. Ich stelle dich über Königreiche und Völker. Du sollst zerstören und vernichten, aber auch aufbauen und pflanzen.“
Du kannst dir vorstellen, dass ich in dieser Nacht nicht mehr viel geschlafen habe. Vernichten und Aufbauen. Gestellt über Königreiche und Völker.
Ich bin ein junger Mann, der nicht gut reden kann und Schriftrollen liebt. Ach herrjeh!
Am nächsten Tag ist nicht viel anders gewesen als sonst, ich war halt müder. Und am übernächsten Tag war alles ganz normal. Habe ich das mit dem Auftrag als Prophet nur geträumt? Schön wäre es. Ein Traum und weiter keine Arbeit.
Doch es war nicht zu Ende mit den unruhigen Nächten. Einmal träumte ich von einem dampfenden Kessel. Das erinnerte mich an meine Kindertage. Meine Mutter hatte so einen Kessel in der Küche über dem Feuer hängen. Und mal war er übervoll und das kochende Wasser schwappte aus dem Kessel und tropfte auf das Feuer. Das war ein Zischen und Rauchen. Die ganze Küche war voller Dampf und Schwaden und es roch noch mehr nach Feuer als sonst. Von so einem Kessel träumte ich und dann hörte ich wieder die Stimme Gottes:
Siehst du diesen Kessel, Jeremia? Und siehst du die Landkarte. Der Kessel kommt von Norden. Er neigt sich, gleich wird sich das heiße Wasser über den Norden ergießen. Von Norden kommt das Unheil. Es wird Juda, dein Land, treffen. Es ist ja auch nicht zum Aushalten für mich, sie verehren nicht mich, sondern andere Götter. Selbstgemachte Götter. Ich bin ihr Gott. Ich, der Himmel und Erde erschaffen hat.
Jeremia, du musst sie warnen. Erzähle ihnen, was ich dir gezeigt habe. Hab‘ keine Angst! Ich werde dir Kraft geben. Du wirst stark sein wie eine Stadt, die von festen Mauern umgeben ist. Der König, die hohen Beamten und die Priester und das ganze Volk werden gegen dich sein, aber sie werden dich nicht bezwingen können. Ich bin bei dir und errette dich!“
Und wie soll ich das machen? Das weiß ich noch nicht. Es wird mir Gott schon zeigen. Also warte ich erstmal ab. Ich lese die Schriften. Ich lese bei anderen Propheten, dass das Prophetenleben nicht leicht ist.
Und dann, dann habe ich, wieder nach einer Nacht, ein Bild und eine Melodie im Kopf. Ich singe sie immer wieder:
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Einen blühenden Mandelzweig habe ich im Traum gesehen. Mandeln blühen immer am ehesten bei uns im Frühjahr. Alles ist noch grau und wirkt wie tot, und dann kommen schon die zarten Blüten des Mandelbaums und man weiß: Das Leben geht weiter. Es kommen wieder die Sonne und der Regen und es wird Früchte geben und Ernte.
Nächste Woche erzähle ich dir, wie Jeremia in der Öffentlichkeit redet. Das ist für ihn aufregend.
Lied: Text: Schalom Ben-Chorin, Melodie: Fritz Baltruwein
Jer 1, 4-19
15.8.2026